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„Kino“
Der Wiener Neustädter Autor Erich Sedlak und seine Erinnerungen
an Filmvorführungen im Internat des Klosters der Schulbrüder
in Wien
„
Immer schön der Reihe nach, Herrschaften!“, mahnte Bruder
Raimund, unser Präfekt, wegen seines weit über die Mundwinkeln
herabhängenden Schnurrbartes von uns auch liebevoll „Seehund“ genannt,
während er in seinem Vorführraum an einem vorsintflutlichen
Filmprojektor herumbastelte.
Es war an einem jener Samstagnachmittage, an dem, wie an jedem Samstagnachmittag,
der wöchentliche Kinobesuch für uns auf dem Programm stand.
Da dieser einen erfreulichen Lichtblick im sonst eher eintönigen
Internatsalltag darstellte, kam es einer niederschmetternden Strafe gleich,
von diesem Ereignis ausgeschlossen zu werden. Bruder Raimund wusste das
und verhängte daher diese Sanktion nur bei wirklich schwer wiegenden
Delikten, wie zum Beispiel wegen Schwätzens während der Frühmesse
oder Naschens beim Studium.
Aber selbst dann war dieses Kinoverbot noch nicht als endgültig
zu betrachten, denn der „Seehund“ war kein Unmensch. Vielmehr
gab er dem jeweils Verurteilten noch eine letzte Chance für dessen
Eingliederung ins Kinopublikum, indem er diesem das Auswendiglernen eines
Gedichtes auftrug, welches knapp vor Beginn der Vorstellung von ihm abgeprüft
wurde.
„
Immer schön der Reihe nach, Herrschaften!“, mahnte Bruder
Raimund noch einmal, diesmal etwas strenger, ehe er einen nach dem anderen
von uns vorrücken ließ und, nach dem Anhören einiger
hastig gestotterten Gedichtzeilen, mittels einer unwilligen Handbewegung
den Eintritt in den bereits verdunkelten Saal zu gestatten.
Erst wenn der Lärm sich gelegt hatte, begann das „Filmtheater“,
wie der „Seehund“ es nannte, und wir starrten gespannt hinauf
zur Leinwand, um unseren Lieblingen, wie Charly Chaplin, Buster Keaton,
Marx Brothers oder Dick und Doof mit ihren komischen Erlebnissen zuzusehen.
Manchmal kam es vor, dass die Bilder wie im Nebel verschwammen, worauf
wir gemeinsam brüllten: „Schärfer, schärfer!“,
was Bruder Raimund sofort in hektische Betriebsamkeit versetzte.
Gelang es ihm, die Sache wieder in Ordnung zu bringen, und es gelang
ihm fast immer, war ihm unser lang anhaltender Applaus gewiss, den er
ebenfalls erhielt, wenn von ihm ein Filmriss in Rekordzeit repariert
werden konnte. Dieser kündigte sich schon kurz zuvor durch stetig
anwachsende Brandblasen an, die sich in die noch vorhandenen Bilder erbarmungslos
hinein fraßen, ehe alles erstarrte und in ein grelles Flimmern überging.
Danach roch es nach verschmortem Zelluloid, und wir sahen nur noch ein
erleuchtetes Lichtviereck, während der Projektor wie ein Maschinengewehr
ratterte.
Heute, nach über vierzig Jahren, denke ich oft an den Kinosaal von
damals zurück und an das, was dort geschah. Ich habe inzwischen
begreifen müssen, dass auch mein Leben wie ein Film abläuft,
den ich mir anzusehen habe. Manche Konturen werden auf der imaginären
Leinwand immer schwächer, doch es gibt keinen Bruder Raimund mehr,
der an seinem Objektiv steht, um die schemenhaften Konturen wieder schärfer
einzustellen.
So sitze ich Tag für Tag in meinem Kinosaal und sehe einer Handlung
zu, bei der es – wie ich inzwischen längst weiß – kein
Happy-End geben wird. Die größte Angst habe ich aber vor einem
Filmriss, der das Ende meiner Vorstellung bedeuten würde.
Aus: „Rette sich wer kann – gute Nacht- & Böse Morgen-Geschichten“,
Erich Sedlak, merbod-Verlag, 2001. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Erich Sedlak wurde in Wien geboren und lebt in Wiener Neustadt, wo er
seit etwa 30 Jahren nicht nur als Schriftsteller arbeitet, sondern bis
1995 auch als Papiergroßhändler tätig war. Sedlak ist
im Vorstand des Österreichischen P.E.N.-Clubs, Mitglied des Literaturkreises „podium“,
des „Bildungs- und Heimatwerkes“, der IG-Autoren, sowie Generalsekretär
des NÖ. P.E.N.-Clubs. Sedlak veröffentlichte bisher 16 Bücher,
in den letzten Jahren erschienen von ihm: „Nur keine Panik“ – Satiren; „Spiel,
Satz & Sieg – Tennis zum Lachen“; „Heiß geliebte
Sauna – Hitz- und Schwitzgeschichten“; „Das kleine
Mörder-ABC“, „verbrennt mein feld“ und 2004 der
Roman „Ikarus oder die Zerbrechlichkeit der Flügel“.

© sommerkinotraum
2011
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